Korrekturlesen Dissertation Erlaubt

Arbeiten in der Grauzone

Ein externes Gutachten hat nachgewiesen, dass die an der ETH verfasste MAS-Abschlussarbeit der Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala Plagiate erhält. Zwischen «Copy-paste» aus fremden Texten und echter Eigenleistung gibt es Graubereiche. Wann handelt es sich um ein Plagiat, was ist erlaubt?

Lucia Theiler

Im Februar hat NZZ Campus sieben Fälle aus der Grauzone zwischen erlaubt und verboten einer Professorin und zwei Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen vorgelegt mit der Bitte um eine kurze Einschätzung. Die teilweise sehr unterschiedlichen Beurteilungen zeigen, wie schwer die Grenzen zu ziehen sind. Im Zweifelsfall gilt deshalb: lieber nachfragen als später Konsequenzen fürchten zu müssen.

1. Fall: Korrekturbüro

Paul hat seine Bachelorarbeit vollständig alleine geschrieben. Zum Korrekturlesen gibt er sie aber einem professionellen Korrekturbüro. Gegen Bezahlung werden sämtliche Rechtschreibfehler und stilistische Patzer korrigiert. Muss er das deklarieren? Wäre der Fall anders gelagert, wenn seine Schwester am Schluss die Arbeit kostenlos gegengelesen hätte?

Sabine Senn-Müller: Jeder konkrete Fall müsste nach vollständiger Abklärung des ganzen Sachverhalts gesondert beurteilt werden. Die beigefügte Antwort stellt, wie in jedem der Beispiele, somit lediglich eine erste Einschätzung dar. Professionelle Hilfe müsste meines Erachtens deklariert werden. Wer solche in Anspruch nimmt, verstösst streng genommen gegen die Selbständigkeitserklärung. Dass eine Arbeit von einem Familienmitglied oder einer befreundeten Person gegengelesen wird, gehört hingegen zu den Selbstverständlichkeiten, von denen jeder korrigierende Dozent ausgeht.

Jürg Schifferli: Es ist doch einfach: Man beschreibt, was getan wurde. Danke Herr oder Frau Soundso, auch wenn es die Schwester ist. «We (or I) thank Mr. or Mrs. Soundso for reading the present work and for comments.»

Christoph Hoffmann: Generell kommt es immer darauf an, was konkret im jeweiligen Plagiatsreglement der Hochschule steht oder eben in der Selbständigkeitserklärung, was darunter jeweils eingeschlossen wird. Ich lege im Folgenden allerstrengste Massstäbe an. Korrekturbüro und Schwester sollten, wenn gefordert, bei der Selbständigkeitserklärung genannt werden; und zwar in einer Formel. «Rechtschreibung und Stil der Arbeit wurden von ..... kontrolliert.» Bei weniger strengen Massstäben tut es in meinen Augen eine Danksagung.

2. Fall: Hilfe bei der Datenauswertung

Livia hat für ihre Masterarbeit ein quantitatives Forschungsdesign gewählt. Bei der Auswertung der Daten hat sie aber Mühe. Sie wendet sich darum an einen Freund, der ihr hilft, die Daten auszuwerten und zu interpretieren. Muss Livia dies deklarieren? Wie sähe es aus, wenn Livia nur Hilfe in Anspruch genommen hätte, um das entsprechende Computerprogramm zu bedienen?

Sabine Senn-Müller: Die Hilfe bei der Auswertung und Interpretation der Daten durch einen Freund müsste deklariert werden. Wenn die Studentin jedoch lediglich Hilfe annimmt, um ein neues Programm zur Auswertung und Interpretation von Daten bedienen zu können, sieht die Sache anders aus.

Jürg Schifferli: «I thank Mr. X for helping me in the analysis oft the data...» Einfach bei der Wahrheit bleiben!

Christoph Hoffmann: Livia sollte, wenn gefordert, bei der Selbständigkeitserklärung auf die Hilfe bei der Auswertung hinweisen. Hilfe bei der Interpretation finde ich schon heikel, denn das gehört ja zum Kern der eigenen Leistung. Da man aber beim Auswerten eh ins Gespräch kommt, würde ich breiter formulieren: «Hinweise und Hilfe bei der Auswertung kamen von....» Hilfe bei der Einarbeitung in ein Computerprogramm ist bestenfalls ein Fall für die Danksagung.

3. Fall: Fremde Zitate und Quellenangaben

Erich schreibt eine Arbeit zu einem ähnlichen Thema wie sein guter Freund vor einem Jahr. Für die theoretischen Grundlagen orientiert sich Erich darum an dieser früheren Arbeit. Er übernimmt einige Kapitel, die sich auf Werke beziehen, die er sowieso schon gut kennt. Erich fühlt sich darum auch sicher genug, das Kapitel einfach stark umzuschreiben und die entsprechende Zitate und Quellenangaben zu übernehmen. Er konsultiert die Literatur also nicht mehr selbst. Darf er das?

Sabine Senn-Müller: Nein, das darf er nicht. Wenn Kapitel einer bereits bestehenden Arbeit lediglich umgeschrieben werden, stellt dies keine Eigenleistung mehr dar.

Jürg Schifferli: Not good! Immer die Originalarbeit lesen! Man darf auch einen ganzen Abschnitt einer Arbeit zitieren – nur muss man es deklarieren!!!

Christoph Hoffmann: Darf er nicht. Nicht ausgewiesenes Übernehmen oder Umschreiben erfüllt Kriterien des Plagiats.

4. Fall: Zusammenarbeit mit der besten Freundin

Laura und Silke schreiben ihre Masterarbeiten zu einem ähnlichen Thema. Als beste Freundinnen verbringen sie sowieso die meiste Zeit zusammen und diskutieren ihre Themen ständig. Sie lesen sich gegenseitig die neu erstellten Kapitel vor, nehmen zusammen Änderungen vor, lassen Gedanken aus den gemeinsamen Diskussionen als ihre eigenen in die Arbeit einfliessen. Ist eine solche intensive Diskussion und Zusammenarbeit mit jemandem erlaubt? Wo sind die Grenzen? Könnte eine Deklaration charmant in Form eines Dankes verpackt werden?

Sabine Senn-Müller: Blosser Gedankenaustausch ist an sich nicht zu beanstanden. Die gegenseitige intensive Zusammenarbeit geht indessen darüber hinaus und müsste deklariert werden.

Jürg Schifferli: «The present work would not have been possible without the active discussions I had with my colleague Mrs. Soundso. I thank her for her input.» Das Gleiche wird übrigens auch vom betreuenden Professor erwartet: Er sollte seinen Masterstudierenden helfen und aktiv mit ihnen diskutieren!

Christoph Hoffmann: Ist erlaubt (miteinander zu reden, ist ja auch Wissenschaft). Vermieden werden sollte, dass Laura und Silke unausgewiesen identische Passagen in ihrer Arbeit haben. Wenn Laura eine Passage aus Silkes Arbeit gefällt und vice versa, dann kann sie zitieren/einen Verweis machen. Auf jeden Fall sollte die Zusammenarbeit in der Danksagung erwähnt werden. Hoffentlich haben Laura und Silke sich nicht während der Arbeit zerstritten, das könnte unter ihnen Ärger geben (würde mich als Dozenten aber nicht interessieren). Haben sie ein und dieselbe Betreuerin/denselben Betreuer, dann sollte diese/r darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass sie viel miteinander diskutiert haben.

5. Fall: Google Books als Quelle

Maja ist im Stress. Einige Bücher, die sie unbedingt haben sollte für den theoretischen Teil ihrer Bachelorarbeit, sind gerade nicht verfügbar. Über Google findet sie aber Leseproben der Bücher. Es sind nur wenige Seiten freigeschaltet, aber für Maja reichen diese. Besser als nichts, denkt sie, und zitiert etwas aus den lose gelesenen Seiten. Darf sie das oder müsste sie zumindest das ganze Kapitel gelesen haben?

Sabine Senn-Müller: Ihre Vorgehensweise kann sie frei wählen. Allerdings müsste man ihr von einem derartigen Vorgehen abraten, weil es wissenschaftlich fragwürdig ist und kaum zu einem guten Ergebnis führen wird.

Jürg Schifferli: Wenn sie das zitiert, was sie auf Google gelesen hat: Okay - mit Referenz auf Google!

Christoph Hoffmann: Maja macht, was vermutlich die Regel ist, mit oder ohne Google: flüchtiges Fleddern. Schön ist das nicht und nebenbei wird man es, wenn es um zentrale Dinge ihrer Arbeit geht, vermutlich merken (Fleddern, ohne dass es sofort auffällt, ist die höhere Kunst des Blendens). Verboten ist es nicht.

6. Fall: Struktur abschauen

Rolf weiss nicht recht, wie er ein Kapitel seiner Masterarbeit strukturieren soll. Er sichtet darum diverse Dissertationen, die sich mit ähnlichen Fragen befassen und übernimmt dann aus einer besonders überzeugenden Arbeit die gleiche Struktur. Müsste er das deklarieren?

Sabine Senn-Müller: Das ist eine Vorgehensweise, die er grundsätzlich nicht deklarieren muss.

Jürg Schifferli: Nein, er hat gezielt eine Arbeit ausgewählt, die gut ist (gutes Zeichen für den Student), er hat keine Daten übernommen.

Christoph Hoffmann: Muss er, klare Übernahme eines fremden Gedankens. Aber was verliert Rolf auch, wenn er diesen Verweis in seine Arbeit hineinsetzt? Er schreibt: «Für die Struktur dieses Kapitels habe ich mich an ..... angelehnt.» Wenn Rolf helle ist, wird er hier noch einen kritischen Satz über diese Struktur fabrizieren und erklären, was er etwas anders gemacht hat. Wenn Rolf freilich die Struktur seiner ganzen MA komplett von einer anderen Arbeit übernimmt (und das natürlich ausweist), würde ich als Betreuer die Arbeit um eine Note abwerten. Struktur ist Teil der Kernleistung.

7. Fall: Für Transkription bezahlen

Silvia führt mehrere Experteninterviews. Diese müssen transkribiert werden. Sie hat dazu aber keine Zeit und vor allem keine Lust. Sie delegiert die lästige Schreibarbeit darum an einen Freund, der gegen Bezahlung transkribiert. Muss sie das deklarieren?

Sabine Senn-Müller: Ja, indem sie einen Teil der Arbeit delegiert und dies nicht offenlegt, verstösst sie gegen die Selbständigkeitserklärung.

Jürg Schifferli: Ja: «The transcription was done by Mr. Soundso.» Keine Grauzone: Einfach alles offen legen.

Christoph Hoffmann: Wenn eine Selbständigkeitserklärung gefordert wird, dort erwähnen. Eigentlich eine Sache für die Danksagung.

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Die Bachelorarbeit ist ein wichtiges Ereignis im Leben eines jeden Akademikers. Die erste wissenschaftliche Abschlussarbeit muss nicht nur fachlich, sondern auch orthografisch und formell perfekt sein – nur auf diese Weise lassen sich in der Bachelorarbeit die besten Ergebnisse erzielen. Angehende Akademiker wissen jedoch aus Hausarbeiten oder Seminararbeiten, dass der Autor einer Arbeit oft Fehler übersieht, selbst wenn er die eigene Arbeit mehrmals durchliest. Deswegen nehmen viele Bachelor-Absolventen ein Lektorat ihrer Bachelorarbeit in Anspruch. Dieses ist unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt und unbedenklich.

Das reine Lektorat ist grundsätzlich erlaubt. Die Bachelorarbeit kann dabei einem Freund oder Kommilitonen vorgelegt werden, der lediglich nach Rechtschreibfehlern sucht, unschöne Formulierungen ausfindig macht und überprüft, ob die Literaturverweise und Zitate korrekt sind. Unbedenklich ist es aber auch, die Arbeit bei einem externen Dienstleister einzureichen, der sich auf Lektorate wissenschaftlicher Arbeiten spezialisiert hat. Beim Lektorat wird am Inhalt der Arbeit selbst nichts verändert, sie wird lediglich in eine fachlich und stilistisch korrekte Form gebracht.

Davon unterscheidet sich das Korrektorat. Beim Lektorat wird meist lediglich angemerkt, welche Stellen der Arbeit falsch sind, der Autor kann diese anschließend selbst ausbessern oder stehen lassen. Das Korrektorat hingegen ist umfassender und schließt die Suche nach Rechtschreibfehlern, schlecht formulierten Sätzen und Zitationsfehlern ein. Diese werden sofort korrigiert, einzelne Sätze werden bei Bedarf umgeschrieben. Auch dies ist erlaubt, da der Sinn des Inhalts nicht verändert wird. Es handelt sich dabei ebenfalls nur um eine stilistische Aufwertung der Arbeit.

Die Grenze ist dann erreicht, wenn die Arbeit so umgeschrieben wird, dass ihr Sinn verändert wird. Natürlich darf mit einem Kommillitonen besprochen werden, ob eine These stichhaltig ist – allerdings darf kein Fremder den fachgebundenen Inhalt verändern, den Großteil oder die ganze Arbeit umschreiben oder neu erstellen. Dies wäre verboten und wird überprüft.

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